Wanderer zwischen den Welten

Vorab: Leider ist es mir in den letzten Monaten zeitlich und gedanklich nicht möglich gewesen Lesbares zu produzieren – Ich bitte vielmals um Verzeihung!

In medias res: Ich hatte unlängst das fragwürdige Vergnügen in Köln einer Veranstaltung zum 70. Geburtstag von Herrn Bob Dylan beizuwohnen – „Dylan Denken“. Nur soviel, weniger Dylan konnte die Veranstaltung kaum sein – mittelmäßige lokale Bands versuchten sich an Dylan-Covers gemischt mit eigenen musikalischen Ergüssen bis hin zu dem Punkt, der mich dazu veranlasste die Festivität im Schauspielhaus zu verlassen: Ein Herr begann seitenweise aus seinem eigenen Buch über die philosophischen Aspekte der Dylan-Texte zu schwadronieren, um dann auch gleich noch den französischen Philosophen Gilles Deleuze ins Boot zu holen und mich damit erfolgreich zu verscheuchen. Kurz zusammengefasst: Es gelang also den Protagonisten dieses Abends eine subjektiv ganz wunderbare Sache (Bob Dylans Songs) so zu interpretieren und schlicht tot-zu-labern, dass der anfangs freudige Rezipient (Ich) sich mit Schaudern abwandte.

Zum Glück abwesend gewesen - Bob Dylan

Zum Glück abwesend gewesen - Bob Dylan

Der Brückenschlag zur Barwelt ist da gar nicht so fern. Der Ausgangspunkt ist das „Glück im Glas“ und nicht derjenige, der meint lehrmeisterhaft darüber vor Gott und der Welt auftreten zu müssen. Erläuterungen zu einem Drink gegenüber dem geneigten Gast sind praktisch wie ein unsichtbarer Teil der Garnitur – Ansprechend und sinnvoll eingesetzt Gold wert; Überbordend und ausufernd lediglich deplatziert. Es geht auch hier, wie bei der Interpretation von Dylan-Songs, um Fingerspitzengefühl, denn beides eröffnet geradezu unbegrenzt Raum für viel zu tiefgreifende Monologe. Im schlechtesten Fall reagiert der Rezipient ähnlich sensibel, wie ich im Kölner Schauspielhaus und schaut, dass er möglichst zügig weg kommt.

Dabei geht es bei Bob Dylan und gegenüber dem guten Bargast primär um eins: Zuhören! 

Hannes

| Kommentar hinterlassen

Kinder des Olymp

Der Olymp stellte im Theater (v.a. in Frankreich „paradis“) sozusagen die erste Riege der Schauspieler dar, die „Superstars“ ihrer Zeit, wenn man so will. Neid, Verbissenheit und Intrigen standen an den hohen Häusern im Paris des 19. Jahrhhunderts und anderswo an der Tagesordnung glaubt man zeitgenössischen Quellen aus jenen Jahren. Wer wissen möchte was die „Kinder des Olymps“ unserer Tage abseits der Leinwand treiben muss sich nur durch den Dschungel der Privatkanäle seines Fernsehers kämpfen, und nicht durch alte schwulstige Wälzer. Ich allerdings würde letzteres bevorzugen; in der reinen Informationsdichte dürften sich beide wohl nur unwesentlich unterscheiden.

Nun ist es erwiesenermaßen so, dass jede spezifische Szene ihre eigenen Ikonen kürt. Seien es Fußballer oder Filmschauspieler im großen öffentlichen Fokus oder auch brillante Physiker oder Medinziner für die Wissenschaft oder oder oder… Jedes Fach hat seine Helden. Genauso wie seine Querköpfe, seine Talente, seine „Enfants terribles“ und so weiter. Man wäre mal wieder bei einer theatralen Rollenverteilung, die auch vor der Bar-Branche nicht Halt macht. (Anmerkung: Ich hasse das Wort „Branche“ wirklich aus tiefstem Herzen, vor allem wenn Menschen es „Brangsche“ aussprechen!) Auch wir Barleute ikonisieren so manchen Trinktempel oder liegen diesem oder jenem Mixologen zu Füßen.  Dies ist als solches völlig legitim. Peinlich wird es in zweierlei anderen Fällen: Erstens, wenn man sich ungelungen versucht dessen zu entziehen (am besten mit konträrer Meinungsmache) und zweitens wenn man daraus bewusst Profit schlagen möchte.

Der erste Fall ist der, welcher mich primär zu diesem Artikel verleitete. Immer öfter höre und lese ich von Barleuten, die bewusst „gegen den Wind pissen“ und ich mich nicht selten ernsthaft frage: Warum? Da wird diese oder jene Bar „völlig überschätzt“ und der Barmann XY hat einen „totalen Höhenflug“ und so weiter und so fort. Diesen Menschen sei ein Fazit des Medienforschers Markus Becker nahegelegt, der in seiner Arbeit über die Ikonisierung im Film schon einleitend die „Stars“ als „Projektionsflächen von Wünschen und Sehnsüchten“ bezeichnet. Eine Beschreibung, die die Antipathie gegenüber den „Stars in Bars“ (Danke Mixology Magazin) in eine Mischung auf Selbstunzufriedenheit und Neid zurückführen lässt. Respektive der unbeholfene Versuch rückwirkend die eigene Leistung aufzuwerten und hochzustilisieren. In keiner Weise schließt diese meine persönliche Meinung zu diesem Thema Kritik untereinander aus, aber das hinter vorgehaltener Hand (oder eben nicht) verbale „Draufdreschen“ gegenüber gehypten Projekten oder Personen der Barszene ist stets um ein Vielfaches weiter daneben als der Hype, auf den es sich bezieht.

Jean-Louis Barrault als Baptiste Deburau in "Die Kinder des Olymp"

Jean-Louis Barrault als Baptiste Deburau in "Die Kinder des Olymp"

Der zweite Fall erschließt sich aus einer ganz anderen Perspektive, nämliche wenn ikonisierte Personen versuchen zu lange auf ihrer Hypewelle zu schwimmen, um daraus, in welche Richtung auch immer, Anerkennung und Profit zu erhaschen. Dies äußert sich gern in Sätzen, wie „Aber ich bin doch…“, „Aber ich hab doch…“ und ähnlichen zum Magenkrämpfe bekommenden Floskeln. Für diese Fälle sei auf das Ende von Marcel Carnés brillantem Film „Die Kinder des Olymp“ verwiesen, in der sich die Hauptfigur Baptiste Deburau solange an die Vergangenheit und seine Selbstikonsierung klammert, bis sich zuletzt alle von ihm abwenden und er „mit leeren Händen“ (ok, 5 Euro ins Phrasenschwein…) zurückbleibt.

Ich ehre meine Ikonen und Helden weiterhin, egal ob es Donald Duck oder der ein oder andere beeindruckende Barmann ist.

Hannes

| 1 Kommentar

Da capo…

Es geschah vor nun mittlerweile doch einigen Wochen, als ich mich in meiner Theorie der Nähe zwischen Bar und Theater bestätigt fühlte. Ein bis dato unbekannter Gast, wie sich herausstellte, mit sehr gewähltem Trinkverhalten, spendete, nach dem Genuss mehrerer Drinks und Begleichen der Rechnung, spontan Applaus. Etwas irritiert von der doch nicht alltäglichen Situation, fiel mir nichts besseres ein, als mich vor ihm zu verbeugen und ihm Dank zu bekunden.

Als ich dann doch dezent wagte nachzufragen, was ihn denn zu dieser ungewöhnlichen Huldigung hingerissen hatte, antwortete der Herr souverän, dass er gerade eine (in seinen Augen) miserable Theaterinszenierung besucht hätte und sich noch wenig Applaus „aufgespart“ habe, den er nun „für die gelungenere Inszenierung gerne verwendete“. Ein schöneres Kompliment habe ich selten zuvor in meinem Leben erhalten.

In diesem Sinne Applaus an diesen Gast, der mir mal wieder offenbarte, wie schön und befriedigend mein Beruf eigentlich ist.

Hannes

| 2 Kommentare

Schautender und Barspieler

Nachdem seit dem letzten Post ein sehr ereignis- und arbeitsreicher Monat ins Land gegangen ist, wage ich mich nun doch wieder an die Tastatur. Etwas fernab der bisherigen (oftmals wissenschaftlich angehauchten) Themen stelle ich den Mensch, die Persönlichkeit, hinter der Bar diesmal ins Rampenlicht.

Schauspielern sagt man oft nach, sie seien selbstverliebt und exzentrisch; hoffnungslos romantisiert von ihrer eigenen Passion. Nun ja, das trifft sicherlich auch auf uns Barleute in gewissen Rahmen zu. Oder wie es ein Kollege mal sehr treffend, bezogen auf ein Kartenspiel, formulierte: „Poker ist ein Spiel für Leute mit überhöhtem Geltungsdrang und großem Ego – wie gemacht für Bartender.“ Sind wir von unserem allürenhaften Verhalten also doch Schauspieler, die ganz gut mit Hochprozentigem umgehen können? Zumindest einige Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen: Es gibt eine (verhältnismäßig) kleine, sehr gut vernetzte Szene, die ihre „Stars“ kürt, sei es mit Auszeichnungen oder in der allgemeinen Darstellung und Wahrnehmung. Ebenso sind wir uns sicher, ein spezifisches „Kunsthandwerk“ auf sehr hohem Niveau auszuführen, was uns klar von der Masse der vielen anderen gastronomisch Tätigen abgrenzt und für die allermeisten unseres Schlages ist die Bar mehr als nur ein Beruf, sondern eine Passion. Dies untermauert das Zitat eines sehr geschätzen Frankfurter Kollegen: „Ich frag mich, wie man eigentlich nicht Bartender werden kann! Es ist schließlich, das großartigste, was es gibt.“

Dennoch gibt es viele Stimmen, die in Blogs oder Sozialen Netzwerken oft mahnend darauf hinweisen, „sich auf das Wesentliche“ zu konzentrieren – die Dienstleistung. Aber gerade durch das Modifizieren einer Dienstleistung zu einem Erlebnis, zeigt sich die Klasse eines guten Bartenders. Gelingt dieses „Kunststück“ einem Barschaffenden häufig und auf stetig hohem Niveau, wird er auch von Gästen sowie Fachkollegen entsprechende Würdigungen erhalten. Ähnlich wie ein brillanter Schauspieler, wenn auch nicht annähernd im gleichen medialen Ausmaß. Der Barmann wird zunächst von außen hoch stilisiert und greift dies selbstredend (gewollt oder nicht) für sich und seinen Umgang auf. Man könnte dies einfach zusammenfassen: durch die Liebe zur Bar und entsprechende Fähig- und Fertigkeiten kann man Ansehen gewinnen, was dann auch das Selbstvertrauen massiv steigert und in den allermeisten Fällen auch in Selbstverliebtheit (in welchem Maße auch immer) mündet. Nur was ist so schlimm daran? Fragen wir uns doch mal als Gast: Würde es mich beispielsweise stören, wenn ich wüsste, dass dieser Fremde dort hinter dem Tresen gerne auf X-tausend Bildern in sozialen Netzwerken markiert ist, dass er eine knappe Stunde für seine Frisur braucht, dass er seine Bar als die beste der Stadt bezeichnet oder nur bestimmte Champagner-Sorten trinkt? Definitiv nicht, wenn – und das ist der entscheidende Punkt – ich in annehmbarer Zeit aus seinen Händen einen vorzüglichen Drink gereicht bekomme und mich gut behandelt fühle.

Konklusierend gesagt: Gehen wir doch offen mit unseren Allürchen und Eitelkeiten um, wieviele es auch sein mögen. Aber hören wir auf zu plärren, dass dieser oder jener, dieses oder jenes gemacht habe und wir doch nur „Dienstleister“ seien sollen. Sollen wir nicht! Sind wir nicht!

Wir sind passionierte Kunsthandwerker! 

Hannes

 

 

    

| Kommentar hinterlassen

Raumtraum

Im Vorfeld dieses Posts habe ich mir so sehr gewünscht, noch nie eine Bar betreteten zu haben. Denn so fest haben sich schon die konventionellen Muster der üblichen Barräumlichkeiten in mein Gehirn gebrannt, dass der Versuch sich gedanklich von ihnen zu lösen, schwerer war als erwartet. Immer wieder merkte ich, wie mir mein Kopfinhalt einen Strich durch die Rechnung machte und immer wieder versuchte ich mich an die Bühnenkonzepte des Theaterwissenschaftlers Jerzy Grotowski zu klammern. Grotowski, der 1959 das Theaterlaboratorium in Polen gründete, war stets auf der Suche nach neuen Wegen der Inszenierung und theatralen Darstellung, dabei „verging“ er sich auch an den konventionellen Bühnenmodellen.

Bühnenszenerie von "Kordian"

Grotowski schaffte es, allein durch seine Bühnenstruktur eine Wirkung des Eintauchens in die Szenerie und die Inszenierung beim Zuschauer herzustellen. Während er in seiner Inszenierung von „Kordian“ eine psychatrische Klinik als Bühnenraum (und Zuschauerraum) wählt, sitzen in der Inszenierung des „Doktor Faustus“ die Zuschauer als Gäste des letzten Abendmahls an einer langen Tafel und für die szenische Handlung von „Der standhafte Prinz“ erschuf er eine Arena, in der das Publikum auf einen „verbotenen Akt“ herab blickt.

Oben die szenische Handlung von "Doktor Faustus" - unten von "Der standhafte Prinz"

Die Brücke, die es nun zu schlagen gilt ist folgende: Grotowski hat es durch seine (damals) neuartigen Bühnenformen geschafft, dass Theatererlebnis für den Zuschauer zu intensivieren. Ist es auch möglich das Erlebnis in einer Bar durch neue Raumkonzepte für den Gast intensiver oder schlichtweg schöner zu gestalten?

Ein erster typischer Fixpunkt im Barraum ist der Tresen, der eine klare Trennlinie zwischen „Bühne“ und „Publikum“ ist. Allerdings ist der Tresen auch funktional in der Arbeit der Bartender der essentielle Bestandteil und damit wird eine Auflösung dieser Struktur ungleich schwieriger. Schließlich beherbergt der Tresen zumeist auch eine Menge Arbeitsutensilien, wie Bartools, Flaschen, Kühlung, Eisbecken, Gläser, et cetera.

Der erste Ansatz der mir in den Sinn kam, war das Arbeiten an langen Tafeln, an den die Gäste entlang Platz finden, während der Bartender an den Kopfenden seiner Passion nachgehen kann. Die Vorteile lägen an der Nähe der Gäste untereinander, respektive zum Barmann. Nachteilig wäre allerdings, dass der Barmann bei den Stationswechseln nahezu permanent die Gäste hinter deren Rücken passieren müsste, was sich in Unbehagen und Unruhe beim Gast niederschlagen könnte. Ebenso wäre zu den mittig in der Tafel sitzenden Gästen die räumliche Distanz sehr groß.

Oben: Arbeiten an langen Tafeln - unten: flexibles Arbeiten an Separees (X markiert jeweils den Ort des Mixings)

Eine weitere Idee schlich sich während eines Fluges nach Berlin in meinen Kopf, als eine junge Dame mit ihrer Bordbar durch das Flugzeug schob. Kann man nicht auch auf festem Boden mit einem flexiblen Mixposten arbeiten? Geht man von einer mittigen, runden „Backbar“ mit Spirituosen, Eis, usw. aus, die sozusagen als Auffüllstation für den oder die beweglichen Posten fungiert und positioniert man die Gästeplätze separeeartig an den Rändern des Raums, müsste dies funktionieren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Direktes Arbeiten am Gast, sehr hohe Servicequalität und ein für den Gast völlig neues Bargefühl. Denn der Gast wirkt wie der Zuschauer in einem Stadion, der die Geschehnisse nach Belieben in der „Arena“ verfolgen kann, oder eben nicht. Als Nachteile wären allerdings „harte“ Fakten zu sehen: der Raumaufwand wäre für eine verhältnismäßig kleine Anzahl an Gästen sehr groß und auch die Arbeitsgeschwindigkeit würde wohl der Flexibilität massiv leiden. Ebenso wäre auch die Nähe der Gäste untereinander auf „Grüppchen“ beschränkt, was natürlich einzelne Bargänger abschrecken könnte.

Einen dritten Ansatz regte ein Fachkollege vor einigen Wochen an, der auf meine Idee einer tresenlosen Bar, seinen Vorschlag einer stuhl- und tischlosen Bar einbrachte. Nachdem mein unqualifizierter Kommentar „Ein Club also…“ rückstandslos verhallte, wurde die Idee doch interessant. Anstatt wie im vorherigen Beispiel der Bartender flexibel wäre, wäre dadurch der Gast (gezwungenermaßen) flexibel. „Eine Abstellmöglichkeit rund um den Raum, mit einem zentrierten kleinen Mixposten“, war grob die Quintessenz. Einzig das Problem, das ein solches Konzept schnell in eine Bar-Club-Mischung abrutschen könnte, wäre bei diesem Beispiel schwierig zu beheben. Wobei man mit entsprechender Musik, Getränkeauswahl und Servicequalität dem sicher entgegenwirken könnte.

Eine ebenfalls völlig andere Richtung als die Tresenauflösung schlägt ein Einfall ein, der bei dem unlängst in der Arbeit aufgetauchten Begriff „Gästepool“ entstand. Das Konzept wäre wie ein altgriesches Theater aufgebaut, nur das die Gäste den Raum auf unterster Ebene der Arena betreten und hinauf steigen müssen zum Bartresen. Dadurch wäre die Trennung Bühne – Zuschauerraum zwar wiederhergestellt, aber eben verkehrt. Die Stufen würden sowohl als Sitz-, als auch Abstellgelegenheit dienen. Ebenso wäre eine flexible Bewegung der Gäste im Raum unvermeidbar. 

Der Gast in der Arena, der die Stufen zum flüssigen Gold erklimmen muss

Daneben gibt es noch eine unendliche Zahl weiterer Möglichkeiten, den theatralen Raum der Bar neu zu inszenieren, es braucht nur noch jemand, der es sich auch traut neue Wege zu beschreiten, denn wie bei fast aller Neuerung, wirkt sie zunächst befremdlich. Dabei ist bei einer Bar nunmal auch nie der finanzielle Gesichtspunkt zu vergessen. Schließlich gilt es mit seinem Raumtraum auch ein paar Märker zu verdienen, sonst sind Träume nämlich schnell Schäume.

Wir sehen uns am Tresen – solang es ihn noch gibt.

Hannes

| 2 Kommentare

Auf zu neuen Ufern? (Vorschau)

Während der vergangene Post lediglich ein kleiner literarischer Ausschweif (minderer Qualität?) war, möchte ich mich nach erneut etwas arg langer Schreibpause nun wieder thematischen Inhalten widmen.

Betrachtet man die Entwicklung von Theater und Bar in den vergangenen Dekaden, so ist nahezu eine gegensätzliche Bewegung zu beobachten. Während es das Theater geschafft hat, sich nahezu von allen Konventionen zu lösen, greift die Barwelt mehr denn je die Vergangenheit auf. So hat sich der Schwerpunkt des Theaters immer mehr vom Inhalt, zur Wirkung beim Rezepienten verschoben. Theater kann mittlerweile ohne Bühne, ohne Text, ohne erkennbaren Inhalt und sogar ohne Schauspieler funktionieren. Das Theater beantwortete die „Bedrohung“ durch die Filmtechnik mit Avantgarde, bzw. mit Weiterentwicklung (glaubt mir, alles was im Fernsehen heute einen gesellschaftlichen Eklat dar stellt, ist im Theater schon längst wieder ein alter Hut).

In den folgenden Posts wird es darum gehen, inwiefern auch die Barwelt in der Lage ist, sich von Konventionen zu lösen. Brauchen wir einen Tresen? Brauchen wir überhaupt einen Raum? Brauchen wir Flüssigkeiten? Et cetera, et cetera, et cetera. Wie weit kann man gehen? Oder ist eine „Avantgarde der Bar“ doch nur eine Utopie?

Jeder ist herzlichst eingeladen seinen verbalen Senf beizusteuern! 

Hannes

P.S.: Zur Veranschaulichung der theatralen Entwicklung empfehle ich folgenden Ausschnitt aus der „Tragedia Endogonidia“ von Romeo Castellucci – zwar mit Bühne aber ansonsten Postdramatik at its best: http://www.youtube.com/watch?v=SxPD7S8_R1c&feature=related

| 2 Kommentare

Kunsthandwerker

Der Künstler

Er schafft aus einer schnöden Flüssigkeit in einem Glas, ein Spektakel im Mund zu vollziehen. Er komponiert geradezu symphonieartig sein schluckweises Feuerwerk, dessen Bann sich kein Tresensitzender entziehen kann und welches dramatisch am Gaumen explodiert. Als würde er sich völlig darin verlieren, legt er all sein Tun in die Erschaffung eines flüssigen Zaubers und löst sich von den hiesigen Zwängen auf den Schwingen seiner Innovation. Doch stets getrieben von dem Drang nach Unereichtem, erliegt er seinem inneren Exzess.

Der Handwerker

Er macht um zu machen. In seinem Ziel der Perfektion aller Standards, befriedigt ihn sein getanes Werk. Stück um Stück fließt aus seinen eifrigen Händen – fein geschliffen und sauber verarbeitet. Detailgenau und in sich stimmig gibt er sein teures Gut preis und bereitet dem Freude und Genuss, dem es zu Teil wird. Fein und angenehm ergießt sich sein Werk in die Münder, der ihn aufsuchenden Pilger der Nacht. Doch glitzern bei ihm nur Perlen wie Perlen – seinen Zauber hat er verloren.

Hannes

| Kommentar hinterlassen